Friede und Verbundenheit (Jubiläum 2011) – Nachbetrachtungen

Zur 10. Folge präsentierten Stadtbibliothek und International Partnership Initiative dem Publikum noch einmal ihre Highlights: „The best of Geist und Gehirn 2002 – 2010“. Darunter international bekannte Wissenschaftler wie Quantenphysiker Hans-Peter DÜRR (Träger des alternativen Nobelpreises); Gehirnforscher Gerald HÜTHER (bekannt aus Fernsehdiskussionen und Nachrichtenmagazinen); Biophilosoph Eckart VOLAND, (vertritt die Evolutionäre Erkenntnistheorie in allen Medien); Wirtschaftsethiker Walther ZIMMERLI, als Gründungspräsident der AutoUni immer noch eng mit Wolfsburg verbunden; Tiefenpsychologe und Musikforscher Jochen HINZ; und nicht zuletzt Markus BRÜDERLIN, Kunstvermittler und Direktor des weltberühmten Wolfsburger Kunstmuseums.

Es strömten so viele Zuhörer in den neu renovierten Hörsaal des Aalto-Hauses, dass einige auf den Treppenstufen sitzen mussten. Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Peter Dürr, der berühmte alte Herr der Quantenphysik, wurde mit Begeisterung empfangen und erhielt immer wieder spontanen Zwischenapplaus. „Es gibt gar keine Materie“, verkündete er dem Publikum. Das war die revolutionäre Erkenntnis der Quantenphysik zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die einen Brückenschlag zwischen Wissenschaften und Religionen ermöglicht. Leider wird sie in der materialistischen Wissenschaft immer noch nicht zur Kenntnis genommen.

In Wirklichkeit ist das Ding ein Prozess, das Teilchen ist ein Passierchen. Der Sinn liegt nicht in der Materie, sondern in ihrer Anordnung. Wirklichkeit basiert auf einem Beziehungsgefüge unterhalb der Atomebene. Es gibt keine Teilchen, nur Wellen, die das ganze Universum durchdringen. Wir alle sind durch sie mit allem verbunden und nicht lokalisiert im Hörsaal. Warum aber tut die Schöpfung so, als wären wir getrennt voneinander? Durch unsere rationale Kultur verstoßen wir uns selbst aus dem Organismus des Lebendigen und verbarrikadieren uns den Weg zur Teilhabe. Die Intuition ist viel reicher als die Reflektion. „Wir alle sind durch Liebe verbunden, nicht durch Geist“, ist die Botschaft des Achtzigjährigen.

Prof. Dr. Jochen Hinz wagte eine mutige Denk-Akrobatik, indem er die vier Ursachensysteme des Aristoteles (causae materialis, formalis, efficies und finalis) in das Bewusstseinsmodell von C. G. Jung einbaute. Danach besteht die menschliche Psyche aus verschiedenen Bewusstseinsschichten: Ganz unten liegt das kollektive Unbewusste, darüber das persönlich Vergessene, darüber das wache Bewusstsein und ganz oben das handelnde Ich. Die Zukunft ist offen und besteht aus unendlich vielen Möglichkeiten. Indem das Individuum eine auswählt, konstelliert es Wirklichkeit. Das ist eine freie Entscheidung. Im Bewusstsein bestehen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nebeneinander in feldhaften Überlappungen. Das individuelle Bewusstsein ist immer mit dem kollektiven Bewusstsein verbunden.

Weitere Massen waren gekommen, um den charismatischen Hirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther zu erleben. Er bezeichnete das Gehirn ein soziales Konstrukt. Nicht die Genetik ist entscheidend, sagte er, sondern der äußere Einfluss. Bei gleicher Veranlagung entwickeln Kinder am Amazonas eine völlig andere Persönlichkeit als in Wolfsburg. Schon im Mutterleib machen wir die wesentliche Erfahrung von Verbundenheit und Wachstum. Wir sind aufs Engste mit einer anderen Person verbunden, während wir wachsen. Diese beiden Sehnsüchte bleiben auch nach der Geburt bestehen: Wir brauchen Nähe und Freiheit, wollen dazugehören und autonom sein. Wer das Bedürfnis nach Liebe und Wachstum nicht befriedigen und seine Potenziale nicht entfalten kann, greift nach Ersatzbefriedigungen wie Fernsehen, Süßigkeiten, Computerspiele oder Macht. Unglückliche Menschen ver-fallen der Manipulation durch Wirtschaft und Werbung, die ihnen jede Menge Ersatz bieten. Wir brauchen eine neue Beziehungskultur, gibt uns Hüther mit auf den Weg. Jeder einzelne Mensch sollte gebraucht werden und nach seinen Fähigkeiten dazu beitragen können, die Welt lebenswert zu machen.

Prof. Dr. Eckart Voland betonte die Bedeutung der Verbundenheit für die Evolution. Für ihn besteht sie in der Kommunikation der Neuronen. Allerdings gebe es keine Höherentwicklung, sondern nur eine Komplexitätszunahme. Selbstbewusstsein und Intelligenz bezeichnet er als Nebenwirkung der sozialen Evolution, ein Überflussphä-nomen bei Primaten. Fremdverstehen sei jedoch wichtiger als Selbsterkenntnis. Dazu benötigt man Empathie und muss das Verhalten anderer vorausahnen können.

Ohne Prof. Dr. Dphil h.c. Walther Zimmerli kann „Geist und Gehirn“ gar nicht mehr gedacht werden. Er zeigt jedes Mal neue Zukunftsperspektiven auf und behält immer Recht mit seinen scharfsinnigen Analysen. Diesmal wies er auf die Gefahr des ge-sellschaftlichen Friedens durch die Technikentwicklung hin. Mit zunehmender Tech-nologisierung wird die menschliche Arbeitskraft verdrängt, und der Wert der Arbeit sinkt inflationär. Wir alle sind verantwortlich für die Zukunft, erklärte er. Die Voraus-setzung für verantwortliches Handeln ist jedoch der freie Wille. Eine Konsequenz des freien Willens ist die Schuldfähigkeit und die Autorität, zwischen guten und schlechten Optionen zu unterscheiden.

Während Glaube und Religion aus dem Gefühl der Abhängigkeit resultieren, bedeutet Autonomie Selbstgesetzgebung. Freiheit ist nicht Willkür, sondern das Befolgen von selbst gesetzten Regeln. Das Individuum ist immer selbst verantwortlich für sein Handeln und darf sich nicht auf Institutionen berufen. Das gilt auch für die Technik. Da man hier nie alle Folgen kennen kann, darf man keine unerforschten Prozesse in Gang bringen und nie aus Kosten-Nutzen-Erwägungen auf Sicherheitsvorkehrungen verzichten. Im Bereich der Kernenergie wurde deutlich, wie teuer die Folgen der Unvernunft werden können. Friede den Menschen, die an die Folgen einer zunehmenden Technologisierung denken, wünscht sich Zimmerli.

Die Veranstalter schätzen sich glücklich, jetzt auch Prof. Dr. Markus Brüderlin für die Wissenschaftsreihe gewonnen zu haben. Er erläuterte, dass die Kunst schon seit langem nach einem kollektiven Unbewussten forscht und die Allverbundenheit in der Ästhetik sucht. Künstler suchen eine geeignete Sprache, um das Unsichtbare sichtbar zu machen. Zwischen der Materie, den Menschen und den Objekten ist ein unendlich ausgedehnter Innenbereich. Geist ist der eigentliche Raum der Verbundenheit. Diese ganzheitliche Vorstellung ist uns jedoch verloren gegangen. Um sie wieder herzustellen, setzt Brüderlin auf Entschleunigung.

In einem Zeitalter der Reizüberflutung und Fremdbestimmung durch Technik sollten wir die Langsamkeit wieder entdecken, um weiter zu kommen. Für die Kunstwahrnehmung ist Kontemplation erforderlich, um komplexe Zusammenhänge zu erkennen. Mit Hilfe von Intuition, Empathie und Emotionalität kann man den Sinn über Bilder besser wahrnehmen als über Formeln. – Neben zahlreichen Beispielen aus der Kunst hält Brüderlin auch eine politische Botschaft für uns bereit. Die Chinesen haben sich den westlichen Lebensgewohnheiten und Kapitalmärkten schnell angepasst, erklärt er. Ihr Konsumwille steigt exponential, und die Bedürfnisse explodieren. Nicht mehr die Partei, sondern das Geld regiert in China. Aber Freiheit und Demokratie sind dort abstrakte Begriffe. Dürfen wir ihnen unsere Werte aufzwingen? Er plädiert dafür, denn der Weltfriede steht auf dem Spiel. Bisher hat noch keine Demokratie eine andere Demokratie angegriffen. Diese These gilt es zu verifizieren.

Auch in den Pausen bildeten sich lange Schlangen vor dem Büffet, als sich jeder sein Gratis-Glas Wein abholte. Die Ausstellungseröffnung der Künstlerin Ruthild TILLMANN versank ein wenig im Trubel, als die Gleichstellungsbeauftragte Beate EBELING tapfer gegen den Lärm anzureden versuchte, doch fanden Tillmanns Sandbilder die ihnen gebührende Aufmerksamkeit. Die beiden Wolfsburger Musikschüler Daniel FRIEDRICHKEIT und Christian BISKUP stellten ihre Virtuosität am Klavier erneut unter Beweis.

Birgit Sonnek 24.05.11

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