Geist und Gehirn – Bericht vom 11. Mai: Die Evolution der Verbundenheit

Bis auf den letzten Platz besetzt war der große Hörsaal im Alvar-Aalto-Kulturhaus, als am Mittwochabend die Evolution der Verbundenheit diskutiert wurde. In der Pause stellte Musikschüler Daniel Friedrichkeit seine Virtuosität am Klavier erneut unter Beweis. Die Massen waren hauptsächlich gekommen, um den berühmten Hirnforscher Gerald Hüther zu hören. Leider konnte der vielbeschäftigte Mann nur bis 21 Uhr bleiben, weil er zwischen Berlin und Amsterdam pendelte und seinen ICE erreichen musste. Deshalb wurde die Diskussion vorgezogen.

Das Publikum verfolgte jedoch andere Absichten und wollte keine Debatte erleben, sondern eigene Fragen an Prof. Hüther stellen. Nach einigen Zwischenrufen wurde diesem Wunsch stattgegeben, und der Neurobiologe beantwortete bereitwillig die an ihn gestellten Fragen, bis er unter anhaltendem Applaus das Podium verließ. Auch nach dem zweiten Vortrag von Prof. Eckart Voland setzte das Publikum seine In-tention durch, gleich selbst mit dem Referenten zu diskutieren. „Ich bin ja lernfähig“, erklärte Diskussionsleiter Prof. Meyer-Dohm und beschränkte sich auf das Vermitteln der Fragen.

„Gibt es ein einzelnes Gehirn?“ fragte Hirnforscher Gerald Hüther das Publikum und antwortete selbst: „Nein. Es kann nur im Verbund mit anderen existieren. In der Kindheit mussten andere uns erst zeigen, wie man es benutzt. Unsere genetischen Entwicklungsprogramme sind nicht entscheidend für unsere Persönlichkeit, sondern die Umgebung. Wer am Amazonas geboren wird, entwickelt eine völlig andere Persönlichkeit als ein Wolfsburger Kind. Nicht die Genetik ist ausschlaggebend, sondern die Verbundenheit.“

Leben ist Intentionalität
Im vergangenen Jahrhundert herrschte der Machbarkeitswahn, führt er weiter aus. Die Welt und ihre Wesen wurden objektiviert und instrumentalisiert. Aber die Objekte der Biologie sind tot. Das Wesentliche, ihre Lebendigkeit, ist auf dem Seziertisch ver-loren gegangen. Lebende Systeme organisieren sich selbst. Auch in der Erziehung gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder behandle ich das Kind als Objekt, das ich nach meinen Vorstellungen erziehe, oder ich stelle eine Beziehung zu ihm her und versuche, seine eigenen Potentiale herauszulocken.

Worin besteht eigentlich diese viel zitierte Selbstorganisation? Das Lebendige ist im Grunde Intentionalität. Alles, was lebt, will etwas. Vor allem will man stabil bleiben und versucht, den geistigen Besitzstand zu wahren. Aber in einer Welt, die fließt, ist das nicht möglich und widerspricht auch der Evolution. Wer im Strom stehen bleiben will, muss ständig rudern, das kostet Kraft und lässt sich irgendwann nicht mehr durchhalten. Das Dilemma alles Lebenden besteht im Bewahrenwollen und gleichzeitig Ändernmüssen.

Der Ursprung der Liebe
Ohne Verbundenheit kann niemand existieren. Im biologischen Bereich geht es um den Austausch von lebenswichtigen Stoffen. Jedes Pantoffeltierchen braucht etwas, das ihm fehlt und das ein anderes entwickelt hat. Das ist der Ursprung der Liebe. Im menschlichen Bereich geht es um die Verschmelzung des angereicherten Schatzes von Erfahrungen. Der Darwinismus behauptete, die Entwicklung vollziehe sich durch Wettbewerb. Das ist falsch, sagt Hüther, denn durch Konkurrenz werden nur Spezialisten erzeugt und Fachidioten hervorgebracht. Um sich in einer zunehmend komplexen Welt zurechtzufinden, muss man sich austauschen, und zwar in einem Wechselspiel von Autonomie und Verbundenheit.

Die Verschiedenheit der Geschlechter ist wichtig. In der konservativen Komponente besteht das Bewahren darin, Eier zu legen oder Kinder zu gebären und den Nachwuchs zu erhalten. Dagegen besteht die männliche Sexualität darin, alles auszuprobieren und schließlich ein Tor zu schießen (Gelächter, Zwischenapplaus). Wenn ein Kind geboren wird, hat es sich bereits neun Monate lang intrauterin entwickelt und sich in dieser Zeit organisiert. Sein Gehirn ist jetzt so flexibel, dass es in jeder Umwelt überleben kann.

Doch der erste Input kommt nicht von außen, sondern aus dem eigenen Körper. Nach der genetisch vorgegebenen Körperform konstituieren sich die Gehirnzellen. Da wir alle verschiedene körperliche Merkmale haben, besitzen wir auch verschiedene Gehirnstrukturen und begreifen die Welt völlig unterschiedlich. Erst die zweiten Erfahrungen sind sozialer Natur und finden nach der Geburt statt, wenn Gehirn und Persönlichkeit bereits konstituiert sind. Jetzt brauchen Kinder ein Be-ziehungsgefüge, denn in der Isolation sterben sie, wie Versuche in vergangenen Jahrhunderten gezeigt haben. Unser Gehirn ist ein soziales Konstrukt, keiner könnte ohne die Erfahrungen der anderen leben.

Verbundenheit und Wachstum
Im Mutterleib machen wir zwei wesentliche Erfahrungen: die der Verbundenheit und des Wachstums. Wir sind aufs Engste mit einer anderen Person verbunden und wachsen gleichzeitig. Diese beiden Sehnsüchte bleiben auch nach der Geburt bestehen: Wir brauchen Verbundenheit und Freiheit, Nähe und Autonomie. Aus dieser Sehnsucht ergibt sich die Intention, beides gleichzeitig zu wollen: dazugehören und autonom sein.

Wer geliebt werden will, opfert dafür alles, was er hat. Wer wachsen will sucht die Herausforderung und will lernen, aber wir schicken ihn in die Schule (Gelächter). Wenn die beiden Grundbedürfnisse nach Liebe und Wachstum nicht befriedigt werden, greifen die Mensche nach Ersatzbefriedigungen wie Fernsehen, Süßigkeiten, Computerspiele oder Machtausübung. Das ist nicht genetisch bedingt, ebenso wenig wie es ein Gen für Begriffsstutzigkeit gibt. Es ist das Produkt einer Um-welt, in der Kinder ihre Potenziale nicht entfalten können.

Wer hat eigentlich diese rücksichtslose Welt gemacht? fragt Hüther. Wir wollen sie doch gar nicht so, wie sie ist. Trotzdem verteidigen wir sie nach außen. Wir machen uns auf Kosten der anderen stark und grenzen sie aus, dabei sollten wir sie lieber so lassen, wie sie sind. Unglückliche Menschen verfallen der Manipulation durch Wirtschaft und Werbung, die ihnen jede Menge Ersatz anbieten. Aber wie können wir die Welt ändern? Wir brauchen eine neue Beziehungskultur, gibt uns der charismatische Gehirnphysiologe mit auf den Weg. Jeder wird gebraucht und sollte nach seinen Fähigkeiten dazu beitragen, die Welt lebenswert zu machen.

Soziale Intelligenz
„Was ist Intelligenz?“ fragte Eckart Voland und erläuterte, sie sei ein Überflussphänomen bei Primaten. Komischerweise entwickeln sie in Freiheit weniger davon als im Zoo, wo der Überlebenskampf entfällt. Dort können sie sehr geschickt mit Werkzeugen umgehen und komplizierte Mechanismen erfinden, um an ein gewünschtes Objekt zu kommen. Beim Werkzeuggebrauch muss man eine innere Projektion der Situation und eine genaue Zielvorstellung haben, das können Hunde und Katzen nicht.

Die sogenannte Machiavellische Intelligenz ist das Produkt von Konkurrenz und Kooperation. Wie die Menschen beherrschen auch Paviane schon die Methode des Ausbeutens und Austricksens von Gruppenmitgliedern. Dabei muss das wahrscheinliche Verhalten der anderen vorausgeahnt werden können. Häufig könne man auch Triebverzicht zugunsten eines späteren Gewinns beobachten sowie politisches Verhalten. Bei Primaten gebe es schon das gesicherte Drohen in Ge-genwart eines Alfamännchens, sowie Täuschung und Manipulation.

Aber auch lang andauernde Freundschaften und Versöhnungen nach Streitigkeiten kommen vor. Dazu benötigt man eine Vorstellung von den Intentionen der anderen und Zugang zu ihrem Erleben, also Empathie. Auch Selbsterkenntnis im Spiegel gibt es bei Affen, die z.B. Grimassen schneiden und sonst schwer ersichtliche Körperteile untersuchen. Aber Fremdverstehen ist wichtiger als Selbstverstehen. Das Selbstbewusstsein ist nur eine Nebenwirkung der sozialen Evolution.

„Können Affen auch Ethik entwickeln?“ kam eine Frage aus dem Publikum. Voland bejaht das, denn durch die Kooperation habe sich in evolutiven Prozessen eine Form von Moral entwickelt. Aber in Wahrheit sei das ein egoistisches Verhalten, denn „der wahre Egoist kooperiert“, erklärt der Biophilosoph. Die Verbundenheit ist auch in der Evolution wichtig, denn Hirne können nicht isoliert arbeiten. Die Verbindung werde seiner Meinung nach durch Neuronen hergestellt, die mit anderen kommunizieren.

Frage: „Gibt es eigentlich eine gesellschaftliche Weiterentwicklung? Kann sich außer der Technik auch die Ethik entwickeln?“ „Nein“, gibt Voland zu. „In der Evolution gibt es eine zwar Komplexitätszunahme, aber keine Höherentwicklung.“ „Wie hängen diese beiden Vorträge zusammen? Wo ist ihre Verbundenheit?“ wurde gefragt. Prof. Meyer-Dohm antwortete: „Die Verbundenheit kann verschiedene Inhalte zulassen. Man muss nicht gleich bewerten und Stellung beziehen, sondern kann beide Ansichten nebeneinander bestehen lassen und trotzdem Sinn darin erkennen.“

Birgit Sonnek 12.05.11

Foto: Gerd Sonnek

1 Comment

  1. Ich möchte allen danken, die diese Vortragsreihe initiert und organisiert haben. Den gestrigen Abend fand ich nicht nur interessant und inspirierend. Der Verlauf des Abends spiegelte für mich auch genau das wider, worum es nach meinem Empfinden offensichtlich geht -Bewahrenwollen, Ändernwollen, Verbundenheit u. Getrenntsein-.
    Die Protagonisten -bis hin zu uns als teilnehmende Zuhörer- haben all DAS in wundervoller Weise dargeboten.

    DANKE für diesen Abend, an den ich mich sicher noch gerne erinnern werde.

    Roland Remus (Braunschweig)

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