Geist und Gehirn 2013 – „Die Evolution des Bewusstsein“ – ein Rückblick

Erster Abend (15. Mai) – Bewusstseinsgenese im Planetarium

Den Auftakt im Planetarium bestritten der Astrophysiker Professor Dr. Dieter B. Herrmann aus Berlin und der Göttinger Theologe Professor Dr. Joachim Ringleben, die sich mit der Entstehung des Bewusstseins beschäftigten. Eröffnet wurde die Reihe von Oberbürgermeister Klaus Mohrs, der in seiner Ansprache darauf verwies, dass I.P.I. und Stadtbibliothek den Kreis der Veranstalter 2013 bereits zum zweiten Mal um andere kulturelle Einrichtungen in der Stadt erweitern.

Auftakt im Planetarium: (v.l.n.r.) Prof. Ringleben, Prof. Herrmann, Moderator Markus Kater v. d. Wolfsburger Nachrichten und Oberbürgermeister Klaus Mohrs
Auftakt im Planetarium: (v.l.n.r.) Prof. Ringleben, Prof. Herrmann, Moderator Markus Kater v. d. Wolfsburger Nachrichten und Oberbürgermeister Klaus Mohrs

Nachdem im letzten Jahr mit Stadtbibliothek, Planetarium und Städtischer Galerie die Runde zum ersten Mal erfolgreich ergänzt wurde, trat 2013 das Kunstmuseum an die Stelle der Städtischen Galerie. Als versierter Moderator konnte außerdem für alle drei Abende der Redaktionsleiter der Wolfsburger Nachrichten, Markus Kater, verpflichtet werden.

Während Professor Herrmann die 13,8 Milliarden Jahre währende Geschichte des Universums innerhalb von 20 Minuten referierte und dabei die relativ neue Full Dome-Technik des Planetariums zur Präsentation nutzte, hörten wir als zweiten Referenten den Göttinger Theologen Professor Joachim Ringleben, der lediglich mit einem handschriftlichen Manuskript ausgestattet (Vortragstext Prof. Ringleben), die These entwickelte, dass ein Bewusstsein ohne Sprache und demzufolge ohne die Möglichkeit, von sich selbst als einem Ich zu sprechen, nicht vorstellbar wäre. Das rief einige Tierliebhaber aus dem Publikum auf den Plan, die dadurch ihre Haustiere eines Bewusstseins beraubt sahen.

Oberbürgermeister Klaus Mohrs eröffnet "Geist und Gehirn 2013"
Oberbürgermeister Klaus Mohrs eröffnet „Geist und Gehirn 2013“

Die sich anschließende lebhafte Diskussion zwischen Referenten und Publikum war ein kleiner Vorgeschmack auf den folgenden Abend im Aaltohaus, den wir als Stadtbibliothek organisiert hatten, denn es ging lebhaft weiter!

Zweiter Abend (22. Mai) – Prima leben ohne Privatsphäre oder Verdummen 3.0?

Der zweite Abend war ein Abend wie gemacht für eine Institution der Wissensvermittlung, die eine Bibliothek ja ist. Dafür hatten wir zwei Referenten eingeladen, die unterschiedlicher nicht sein konnten: Markus Reiter, Medienberater aus Stuttgart, mit einer dezidiert kritischen Sicht auf die aktuellen Ausformungen des Internets und Christian Heller aus Berlin, der die Möglichkeiten des Netzes, insbesondere der Sozialen Netzwerke (Demokratisierung, Teilhabe an der Wissensproduktion, Open-Data etc.) positiv bewertete. Eröffnet wurde der zweite Abend im Aaltohaus von Geschäftsbereichsleiterin Kultur, Frau Dr. Schneider-Bönninger.

"Post-Literacy oder Post-Privacy"? Dr. Schneider-Bönninger eröffnet den zweiten Abend
„Post-Literacy oder Post-Privacy“? Dr. Schneider-Bönninger eröffnet den zweiten Abend

Reiters These, dass das Netz die soziale Selektion eher noch verschärfe, in dem sich eine digitale Elite herausbilde, die die Mehrheit der eher passiven Internetnutzer abhänge, konnte Christian Heller, der seinen Alltag sehr ausführlich online in einem selbst gestrickten Wiki dokumentiert, nicht direkt widerlegen.

Christian Hellers Wiki-Notizen Wolfsburg betreffend
Christian Hellers Wiki-Notizen Wolfsburg betreffend

Einigkeit herrschte dann darin, dass man sich nicht durch die großen Konzerne wie Google und Facebook entmündigen lassen, sondern auf freie Systeme setzen müsse. Auf die Frage, wie man möglichst viele Menschen zu aktiven Gestaltern der digitalen Gesellschaft machen könnte, antwortete Markus Reiter, die gesellschaftlichen Bildungsstrukturen müssten gestärkt und die Menschen zu eigenverantwortlichen, kritischen Anwendern gemacht werden.

Diskutieren mit Markus Reiter (li.) und Christian Heller (re.)
Diskutieren mit Markus Reiter (li.) und Christian Heller (re.)

Und Christian Heller plädierte als Verfechter von „selbstgebauten Lösungen“ dafür, sich Grundkenntnisse in Informatik anzueignen, „damit wir uns unser eigenes Facebook bauen können“.

Dritter Abend (29. Mai)– Kunst oder künstlich im Kunstmuseum?

Der abschließende Abend im Kunstmuseum war der Kunst bzw. dem Künstlichen gewidmet. Das Kunstmuseum hatte zu diesem Zweck Professor Dr. Rolf Pfeifer vom Labor für künstliche Intelligenz an der Universität Zürich nach Wolfsburg eingeladen, der sich gemeinsam mit Dr. Björn Egging, dem neuen Kurator am Kunstmuseum, mit der Frage beschäftigte, ob und inwieweit ein menschlicher, bewusster Geist unabdingbar für das Schöpfen eines Kunstwerkes sei.

Prof. Rolf Pfeifer, Leiter des Labors für künstliche Intelligenz an nder Uni Zürich
Prof. Rolf Pfeifer, Leiter des Labors für künstliche Intelligenz an der Uni Zürich

So zeigte Professor Pfeifer einige Beispiele von musizierenden oder sonstwie künstlerisch agierenden Robotern, die nach Pfeifers Auffassung demonstrieren, dass ein Gehirn, ein menschliches Bewusstsein, nicht zwangsläufig die Voraussetzung von künstlerischer Aktivität ist, sondern dass vielmehr der spezielle Aufbau und die Struktur des Bewegungsapparates im Zusammenspiel mit bestimmten Materialien Ergebnisse hervorbringt, die sich von der Kunst realer Menschen nicht unterscheiden lasse.

Neu im Kunstmuseum: Dr. Björn Egging
Neu im Kunstmuseum: Dr. Björn Egging

Dr. Egging brach immer wieder eine Lanze für die Einzigartigkeit eines human geprägten Konzeptes in der Kunst und eine Frage zum Ende der Diskussion „ob man sich denn vorstellen könnte, dass Roboter in einigen Jahren Ideen und Wertvorstellungen wie die der Französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ hervorbringen könnten, zeigte, dass wir uns im Grunde auch nicht vorstellen mögen, dass der Mensch und sein Bewusstsein irgendwann nicht mehr den Stellenwert haben könnten, den wir gern als gesetzt annehmen.

Uwe Nüstedt

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